
Zuerst Erholung, dann strukturierte Vorbereitung
Dir. Hans Blocher hat an die Eltern von Schülern mit Nachprüfungen einen Brief geschrieben. Er empfiehlt im Interview zuerst Erholung, dann möglichst strukturiertes Lernen.
HTL-Redaktion: Wie ist das vergangene Jahr für die HTL-Braunau gelaufen?
Blocher: Wir können sehr zufrieden sein. Auf der einen Seite waren viele unserer Schülerinnen und Schüler bei nationalen und internationalen Wettbewerben erfolgreich, auf der anderen Seite gehören wir beim Ziel, dass möglichst viele die HTL schaffen, mit 75% Erfolgsquote zu den besten Schulen Österreichs. Dafür gibt es zwar keine Auszeichnung, aber dieses Bemühen ist auch zu einem Markenzeichen unserer Schule geworden. Im Detail haben von unseren tausend Schülerinnen und Schülern über 250 eine Auszeichnung oder einen guten Erfolg, nur 67 können bzw. müssen eine oder zwei Nachprüfungen machen.
HTL-Redaktion: Sie haben nun an alle Eltern, deren Kinder eine Nachprüfung haben, einen Brief gesandt. Um was geht es Ihnen dabei?
Blocher: Der HTL Braunau ist es ein großes Anliegen, schwächere Schülerinnen und Schüler zu unterstützen. Wir haben dazu in den letzten Jahren einige Initiativen gesetzt. Besonders gut angekommen ist die Nachhilfebörse: Gute Schüler, meist aus höheren Klassen, geben anderen in einzelnen Fächern Nachhilfe. Beim Brief an die Eltern bezüglich Nachprüfungen geht es mir darum, den Eltern und Schülern einerseits Mut zu machen und andererseits einige Tipps zu geben, wie sie die Ferienzeit möglichst effizient nutzen können.
HTL-Redaktion: Was sind nun Ihre wesentlichen Tipps?
Blocher: Ich hab‘ in Bezug auf Prüfungsvorbereitung das Rad nicht neu erfunden, sondern auch Tipps unserer Lehrkräfte und anderer Experten einfließen lassen. Wesentlich ist natürlich, dass zunächst mit den Lehrkräften genau vereinbart wird, was Stoff für die Nachprüfung ist. Außerdem finde ich eine Erholungsphase zu Beginn der Ferien unbedingt notwendig. Am Ende sind vier bis fünf Wochen für eine fundierte Vorbereitung notwendig. Ganz wichtig ist dabei eine gute zeitliche Einteilung. Die Schülerinnen und Schüler brauchen vor allem Motivation - Schimpfen oder gar Drohungen wirken kontraproduktiv. Einige Schüler werden auch einen „Coach“ benötigen – jemanden, der ihnen zu einer strukturierten Vorbereitung hilft und ihren laufenden Lernfortschritt überprüft.
HTL-Redaktion: Wie schaut’s mit dem Erfolg aus?
Blocher: In der HTL-Braunau werden rund zwei Drittel der Nachprüfungen positiv abgelegt. Es ist mir ein persönliches Anliegen, dass in der HTL Braunau Schülerinnen und Schülern mit Schwierigkeiten geholfen wird und ich denke, dass wir hier auf einem guten Weg sind.
HTL-Redaktion: Danke für das Gespräch
Folgende Tipps hat Dir. Blocher an die Eltern geschickt:
Das Wichtigste
Auch wenn eine oder zwei Wiederholungsprüfungen anstehen: Die Ferien sollen primär der Erholung und Entspannung dienen. Die Sommerzeit ist für alle Schüler/innen Freizeit, Urlaubszeit oder Ferialarbeitszeit. Bei Wiederholungsprüfungen kommt noch Lernzeit hinzu, bei guter Planung lässt sich alles jedoch gut kombinieren.
Das heißt, die ersten 3 – 4 Wochen sollen zum Ausspannen bzw. zur Sammlung von neuen Erfahrungen bei einer Ferialarbeit dienen. Erst dann soll die Zeit der gezielten Vorbereitung beginnen.
Die Voraussetzungen
Ihr Kind muss die Wiederholungsprüfung auch schaffen wollen und es muss sich auch selbst dazu eine echte Chance geben.
Von Elternseite bitte nicht mehr schimpfen und tadeln, jetzt ist es viel besser, die positiven Leistungen hervorzuheben, aber auch gemeinsam mit Ihrem Kind nach jenen Ursachen der negativen Note zu suchen, die auch künftig von ihm selbst verändert werden können.
Oft muss von den Jugendlichen erst die Enttäuschung über den Misserfolg verarbeitet werden. Es hilft, Fehler im Sinne von Qualitätsmanagement als Möglichkeit zur Verbesserung in der Zukunft zu sehen.
Die Vorbereitung
Am Anfang steht eine ehrliche Bilanz. Ihr Kind weiß recht gut, woran es während des Schuljahres gemangelt hat. Es sollte jetzt sich selbst nichts vormachen, das erhöht nur das Risiko eines weiteren Misserfolges.
Folgende Fragen können bei der Bestimmung des Standortes helfen: Welche Lernlücken bestehen? Welchen Stoff habe ich nicht verstanden? Was kann ich alleine lernen? Wo brauche ich Hilfe von anderen? Wer kann mein Wissen verlässlich kontrollieren?
Die Unterlagen
Gleich jetzt zu Schulschluss ist es wichtig, alle Unterlagen, die später zum Lernen gebraucht werden zu sammeln: Hefte, Mitschriften, kopierte Schularbeiten, Hausübungen, Skripten und Bücher.
Die Planung
Eine ernsthafte Vorbereitung dauert zwischen 4 oder 6 Wochen, je nachdem ob 1 oder 2
Wiederholungsprüfungen zu machen sind. Wer alles in kurzer Zeit lernen will, läuft Gefahr, dass zu viel wieder vergessen wird.
Die letzte Woche der Vorbereitung soll für das Wiederholen des Gelernten reserviert werden.
Für jeden Lerntag soll ein fester Zeitpunkt für das Lernen reserviert werden (am leichtesten lernt man in der Früh). Folgende Zeitpläne haben sich dabei sehr gut bewährt: Am Vormittag 2 - 3 Lerneinheiten (je 45 Minuten), abends 1 - 2 Einheiten je 30 Minuten zum Wiederholen des am Vormittag Gelernten, samstags 3 - 4 Einheiten Gesamtwiederholung.
Nach der Abendphase aber auf keinen Fall mehr fernsehen oder Computer spielen, denn sonst kann das Gelernte nicht ins mittel- bzw. langfristige Gedächtnis aufgenommen werden.
Mit diesem Rhythmus (vormittags lernen, nachmittags entspannen, abends wiederholen bzw. abprüfen lassen) bleibt trotz Lernen viel Freizeit! In dieser Phase ist genügend Schlaf, regelmäßiges Essen und Trinken wichtig.
Der Stoff soll außerdem in bewältigbare Portionen eingeteilt und auf die zur Verfügung stehenden Tage aufgeteilt werden. Nur auswendig lernen bringt wenig, so weit wie möglich sollen Zusammenhänge erfasst werden.
Der Inhalt
Falls noch nicht erfolgt, die prüfenden Lehrer/innen wegen der Stoffabgrenzung und Schwerpunktsetzung kontaktieren (in den Ferien am besten per Email). Unbedingt Hausübungen und Schularbeits- bzw. Testbeispiele üben!
Der Ablauf
Das Lernen soll immer wieder unterbrochen werden. Es hilft, selbst zum gelernten Stoff Fragen zu formulieren und dann selbst zu beantworten.
Auch Belohnungen nach erreichten Zwischenzielen und Tagespensen sind wichtig: Baden, Kinobesuch, Freunde, Ausflüge, Sport, etc.
Falls möglich, speziell wenn in einem Gegenstand mehrere Schüler/innen Schwierigkeiten gehabt haben, mit Gleichaltrigen lernen und abprüfen lassen (das geht auch mit den Eltern). Wer etwas nicht versteht, braucht möglichst bald eine Erklärung! Punktuelle Nachhilfe kann helfen, aber nur, wenn es unbedingt notwendig ist!
Die Aufstiegsklausel
Auch wenn Ihr Kind aufgrund der „Aufstiegsklausel“ trotz eines „Nicht genügend“ in die nächste Klasse kommt, sollte es zur Wiederholungsprüfung antreten. Nach positivem Bestehen kann es dann diese Möglichkeit gegebenenfalls im nächsten Schuljahr in Anspruch nehmen.
Der Coach
In schwierigen Zeiten braucht jeder eine Hilfe. Auch wenn Sie fachlich in der Lage sein sollten, mit Ihrem Kind zu lernen, ist es nicht empfehlenswert. Die Gefahr ist zu groß, dass unter dem Stress der Vorbereitung die Beziehung zu stark leidet. Aber Sie können Ihrem Kind bei der Organisation und bei der Aufrechterhaltung der Lernrhythmen helfen. Seien Sie der ruhige Pol, der geduldige Coach, der- bzw. diejenige die anspornt „Du schafft es, du bereitest dich gut vor …“.
Die externe Hilfe
Falls Sie gemeinsam mit Ihrem Kind zum Entschluss kommen, dass es Hilfe braucht, gibt es eine Reihe von Möglichkeiten: AK, BFI, Schulkollegen, Studenten der Fachrichtung, Lehrkräfte aus anderen Schulen, Lernzentren oder Ferienschulen können u.a. Hilfen zur Vorbereitung anbieten. Falls Sie bei Ihrer Suche nicht erfolgreich sein sollten, können Sie sich auch an die HTL wenden, über unserer Nachhilfebörse finden wir eventuell auch im Sommer einen geeigneten Schüler (Email an htl.braunau@eduhi.at).
blog comments powered by Disqus




