Interview mit Dipl.-Ing. Wolf

China lohnt den Aufwand

Dipl.-Ing. Gerhard Wolf erzählt im Interview über seine Motivation mit einer Schülergruppe in den Osterferien nach China zu reisen und gibt Auskunft über seine Sicht von Schulpartnerschaften und Chinas Entwicklung.

 

HTL up to date: Was war Ihre Aufgabe im asiatischen Bereich, bevor Sie Lehrer wurden?

Gerhard Wolf: Ich war damals bei der Fa. B&R für die Betreuung der Vertriebspartner in einigen Regionen dieser Welt zuständig, unter anderem auch für Süd-Ost-Asien. B&R war gerade in der Phase, ein globales Unternehmen zu werden. China war und ist natürlich das wichtigste Land im asiatischen Raum, und somit auch das Land in Asien, welches ich am häufigsten im Zuge meiner Tätigkeit bereisen durfte. Die Aktivitäten führten letztlich 1996 zur Gründung von B&R China.

HTL up to date: Was gefällt Ihnen persönlich an China?

Gerhard Wolf:  Ein besonderes Erlebnis ist immer wieder die Gastfreundschaft, die man in China erleben kann.

Mir gefällt auch die Art der Chinesen Geschäfte zu machen. Geschäfte in Asien sind sehr stark an der Person orientiert. Es geht natürlich auch um Fakten und Preise, aber die sind eher zweitrangig. Bei meiner ersten Chinareise erklärte mir ein Geschäftspartner seine Philosophie: „Geschäfte mache ich nur mit Freunden, und meine Freunde suche ich mir beim Essen aus.“ 

Diese Aussage beinhaltet, was ich an China am meisten schätze. Einerseits die Freundschaften, die nun seit fast zwanzig Jahren bestehen und die auch gehalten haben, obwohl ich seit 14 Jahren nicht mehr in der Industrie tätig bin. Alle meine weltweiten Kontakte sind abgebrochen in den Jahren, die chinesischen sind geblieben. Und natürlich die chinesische Küche in allen ihren Varianten, wobei ich persönlich die scharfe chinesische Küche bevorzuge.

Ich gebe zu, dass meine Erfahrungen sehr konträr zu denen vieler anderer Geschäftsreisenden sind. Das lag natürlich an den Personen, mit denen ich in China gearbeitet habe.

HTL up to date: Wie kam es zu diesem Projekt?

Gerhard Wolf:  Na ja, in nahezu typischer chinesischer Art. Mein Freund Ma Jian hat sich bei einem abendlichen Aufenthalt in einem Teehaus mit Eliza über ihren Beruf und über mögliche Kontakte zu ausländischen Bildungseinrichtungen unterhalten. Ma Jian wusste natürlich über meine früheren Aktivitäten mit der HTL Braunau in China Bescheid, und dann war es eigentlich nur noch ein Telefonat um das Projekt zu starten.

Ich war 2004 und 2006 in Shanghai und Qingdao. Damals ging es um die Möglichkeiten, eine HTL-ähnliche Schule in Qingdao zu errichten.

HTL up to date: Warum haben Sie sich dazu entschieden nicht alleine sondern mit einer Schülergruppe nach China zu reisen? Bereuen Sie diese Entscheidung?

Gerhard Wolf:  Die Idee mit einer Gruppe von Schülern nach China zu reisen verfolgt mich schon seit dem Besuch in Shanghai 2004. Als die Anfrage von Ma Jian kam, habe ich die Chance ergriffen und wir haben dann begonnen die Reise grob zu planen. Alleine wollte ich die Reise von Anfang an nicht machen. Viele unsere Schüler kommen in ihrem Berufsleben nach Asien, und so wollte ich zumindest einer kleinen Gruppe ein China zeigen, wie ich es kenne. Als Vorbild dient dabei sicher der Kollege Plunger mit seinen Reisen nach Nicaragua.

Die Schüler haben viele Erfahrungen gesammelt, die sie für ihr späteres Berufsleben sicher gut gebrauchen können. Die Rückmeldungen, die ich erhalten habe, zeigen auch, dass es den meisten sehr viel Spaß gemacht hat. Ich glaube, es gibt bei dieser Reise nichts zu bereuen, auch nicht, dass ich meine Osterferien mit Schülern verbracht habe.

HTL up to date: Was war Ihre bzw. die Aufgabe der Gruppe in China?

Gerhard Wolf:  Der Wunsch von chinesischer Seite war einen Einblick ins österreichische berufsbildende Schulsystem zu bekommen. Das berufsbildende Schulwesen in China ist gerade im Umbruch, und man ist auf der Suche nach einem Weg für die Zukunft.

Das Ziel für mich war, eine kleine Ausbildungs-Geschäftsreise zu machen. Ihr solltet einen kleinen Eindruck erhalten, wie eine Geschäftsreise ablaufen kann. Dadurch war das Programm natürlich auch relativ dicht. Fünf Schulen zu besuchen, sich Präsentationen anzuhören, zum Teil selber zu präsentieren ist durchaus anstrengend. Am Anfang ist noch alles lustig und neu. Bei der fünften Schule wird es dann schon zur Arbeit. Toll habe ich gefunden, dass die Schüler auch zum Schluss noch „gute Arbeit“ geleistet haben.

HTL up to date: Wie intensiv waren die Vorbereitungen für die Reise? Was erwies sich als besonders problematisch?

Gerhard Wolf:  Die Reisevorbereitungen waren für mich bis etwa zwei Wochen vor der Abreise eher gering. Die gesamte Reiseplanung in China wurde ja von Ma Jian, Eliza und ihren Mitarbeitern erledigt. Es wäre auch von Österreich aus gar nicht machbar gewesen.

Kleinere Problemchen kamen dann erst kurz vor der Abreise, aber ein gewisser Stress ist bei einer Reisegruppe mit 26 Personen vermutlich normal.

HTL up to date: Werden Sie die Reise in dieser Art wiederholen? Bzw. was würden Sie beim nächsten Mal anders machen?

Gerhard Wolf:  Ich hoffe schon, dass es wieder zu einer ähnlichen Reise wie dieser kommt. Es war für mich eine sehr schöne Reise. Ich habe auch für mich Dinge erlebt, die ich so noch nicht wirklich kannte. Eliza und ihre Freunde sind Menschen, die sehr auf Tradition achten, und so kam ich öfters in den Genuss von abendlichen Teezeremonien.

Bei einer nächsten Reise würde ich eigentlich nur die Anzahl der Schulen verringern, und dafür die Aufenthalte an den einzelnen Schulen länger machen. Das haben die Teilnehmer auch in ihren Feedbacks festgehalten. Dennoch war es bei dieser Reise richtig, dass wir alle fünf Schulen besucht haben, somit konnten wir die Unterschiede der Schulen kennen lernen.

HTL up to date: Haben Sie Bedenken, eine Partnerschaft mit der HTL könnte dem chinesischen Schulsystem zu sehr helfen und somit ein „Überholen“ Europas fördern?

Gerhard Wolf:  Ich halte die HTL Braunau für eine gute Schule, und es würde mich auch freuen wenn China einige Teile aus unserem Schulsystem übernehmen würde. Ob wir das Schulsystem in China aber so stark beeinflussen können, da bin ich mir nicht sicher. Man darf dabei nicht vergessen, wie groß China ist und wieviele Schulen es dort gibt. Man hat pro Jahr etwa 6 Millionen Uni-Absolventen. So ein riesiges System zu verändern benötigt viel Zeit, vor allem eine grundlegende Veränderung des Lehrpersonals und natürlich auch der Schüler. Dass sich die Lehrer zum Teil bereits verändert haben bzw. bereit sind, etwas zu verändern, habe ich auf dieser Reise erfahren. Ob die Schüler diese Veränderung wollen, bleibt abzuwarten. Denn für Schüler bedeutet es mehr Aufwand als bisher. Und chinesische Jugendliche unterliegen denselben Motivationsproblemen wie österreichische.

Unbegründet ist die Angst des Überholens meines Erachtens trotzdem nicht. China verändert sich in rasendem Tempo und teilweise mit brutaler Konsequenz. Bis vor Kurzem war China ein reines Produktionsland ohne großes eigenes Know-How. Die Politik in China fordert und fördert aber seit Jahren die Technologieentwicklung mit eigenständigem geistigen Eigentum.  Es gibt die ersten Unternehmen, die auch bereits selber entwickeln und nicht mehr nur einfach Kopieren. Dieser Prozess ist nicht aufzuhalten, egal ob wir unser kleines Senfchen dazu geben oder nicht.

Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Das Interview führte Alexander Neuwirth.

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