Interview mit Ma Jian – Übersetzer und Reisebegleiter

Interessiert, unkompliziert und kontaktfreudig

Der Übersetzer Ma Jian war während der Chinareise der HTL eine der maßgeblichen Personen im Team. Warum er eine solche Reise mitmacht, wie er die Reisegruppe empfunden hat und was ihn selbst nach Österreich verschlagen hat, verrät er im Interview Barbara Schamberger und Johanna Wanka.

Ma Jian kommt aus einer einflussreichen chinesischen Familie. Der Vater arbeitete als Chef-Ingenieur des Planungsinstituts des Ministeriums für Metallindustrie und leitete in den 70-iger Jahren die mittel- und langfristige Planung der Metallindustrie Chinas. Seine Mutter war im gleichen Ministerium für die Technologiebeschaffung im gesamten Gebiet Nord-Ost-China verantwortlich.
Herr Ma selbst ist 55 Jahre alt, lebt in Wien und ist kaufmännischer Angestellter. In den vergangenen 15 bis 20 Jahren war er aber überwiegend im Projektmanagement für deutsche und österreichische Firmen tätig, die Projekte und Geschäfte mit China machen. Darüber hinaus ist er als gerichtlich beeideter Dolmetscher für die chinesische Sprache beim Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien eingetragen und  wurde auch als Dolmetscher für hochrangige Besuche aus China herangezogen.  Dass er für eine Schulreise übersetzt, ist also eher die Ausnahme als die Regel.


Guten Tag, Ma Jian. Viele aus unserer Reisegruppe haben sich schon die Frage gestellt, wie du auf die Idee gekommen bist, eine Chinareise für eine österreichische Schule zu organisieren?
Auf die Idee bin ich nicht alleine gekommen. Vor etwa sechs Jahren gab es einen Versuch, eine Kooperation auf Schulebene zwischen der HTL-Braunau und einem chinesischen Unternehmer zustande zu bringen. Ich glaube, dass ich auf Ersuchen von Gerhard (Wolf) die Visa und Tickets in Wien organisiert habe.
Anfang März 2009, bei einem langen Teehaus-Aufenthalt mit Eliza (Verantwortliche für die Reform des berufsbildenden Schulwesens in China und Organisatorin der Reise, Anm. d. Red.) kam ich auf die Idee, mit der HTL-Braunau bzw. mit Gerhard zu sprechen. Bis zum Spätherbst gab es dann regen Informations-Austausch über das österreichische HTL-System und die HTL-Braunau. Kurz darauf haben Eliza, Gerhard und ich die Reise für Ostern 2010 geplant. Wir habe die Reise ohne kommerzielle Interessen für uns gestaltet, kalkuliert und organisiert. Tja, Eliza und ich sind in mancher Hinsicht, genauso wie Gerhard, „verrückt“!


Wie hat dir die Reise durch China mit den HTL-Schüler/innen gefallen?
Sehr gut! Ihr seid ja unvoreingenommen, aufgeschlossen, interessiert, diszipliniert, und vor allem unkompliziert! Besser gesagt, Ihr seid ja sehr anpassungsfähig!


Was hat dir besonders gefallen beziehungsweise was ist deine schönste Erinnerung an die Reise?
Es hat mir gefallen, dass die Reise euch gefallen hat und ihr die Begegnung mit chinesischen Studenten sehr interessant fandet. Die schönste Erinnerung für mich ist zum Schluss im Garten dieses Hofhauses in Beijing, dass ihr samt Lehrer/in vor Eliza niedergekniet seid. Ihr habt mit dem Kotau, einer ehrenden Geste, die im traditionellen China Brauch war, eure Anerkennung für die Organisation der Begegnungen mit den Schulen zum Ausdruck gebracht. Das war für mich der Beweis eines möglichen Miteinanders, wie es die Welt von heute dringend braucht.


Würdest du beim nächsten Mal wieder mitfahren?
Oh ja, unbedingt! Es macht mir großen Spaß, mit jungen Leuten zu reisen.


Auf der Reise haben wir mehrere Schulen besucht. Wie würdest du das chinesische Schulsystem im Vergleich zum österreichischen beschreiben?
Die Schulen in China müssen den Betrieb so halten, dass die Schüler innerhalb der vorgesehenen Studiendauer die Schule absolvieren können, weil es so viel Menschen gibt, die Ausbildungsplätze benötigen. Das heißt, dass die Stoffe so vorbereitet den Schüler vorgetragen werden, dass die Schüler nur auswendig lernen müssen.
Das HTL-System habe ich vor mehr als 20 Jahren kennengelernt. Die Schüler in der HTL bekommen nicht nur eine Bandbreite an Grundlagen von Wissen, sondern sie werden auch in der Bildung persönlicher Kompetenz und innovativem Denken gefordert und gefördert. Manche von Euch haben in den Gesprächen mit den chinesischen Schulen mitbekommen, dass die Schulsysteme der USA, Großbritanniens und sogar Deutschlands, die sie kennen, den chinesischen Bedürfnissen nicht passen. Aber das HTL-Modell ist für das berufsbildende Schulwesen in China besser geeignet. Manche chinesischen Lehrer begrüßen sogar die persönliche Kompetenz und das innovative Denken fordernde und fördernde Praxis.

Du kanntest Herrn Wolf schon vor seiner HTL Karriere. Wie habt ihr euch kennen gelernt?
Ich kenne Gerhard Wolf seit knapp 20 Jahren. Mitte der 90-iger Jahre haben wir gemeinsam den Markt China für die Produkte der Firma B&R erschlossen. Seit dieser Zeit besteht unsere Freundschaft.


Wie kommt man eigentlich auf die Idee von einem Land mit über 1 Mrd Einwohnern in ein "Kuhdorf" wie Österreich zu ziehen?
Erstens ist Österreich kein „Kuhdorf“. Zweitens ist Österreich auch kein unbekanntes Land. Denn die Musik von Meistern wie Beethoven, Mozart, Schubert, Strauß usw. und vor allem die Geschichte von Kaiserin Elisabeth, also die Sissi-Trilogie, bringen die Chinesen mit einem gewissen Grad von Bildung sofort in Verbindung mit Österreich.
Ich bin einer von jener Generation, die als Opfer der „Kultur-Revolution“ bezeichnet wird. Bis 1976 war der normale Universitätsbetrieb im ganzen Land eingestellt.
Nach neun Jahren Schule durfte ich die Oberstufe aufgrund meiner familiären Herkunft – meine Eltern galten als Intellektuelle - nicht besuchen. Zum Glück wurde ich, anstatt aufs Land geschickt zu werden, einer Fabrik zugeteilt. Ich habe als Mechaniker und Schlosser gearbeitet. Nachdem der Uni-Betrieb wieder normalisiert war, habe ich zweimal die Aufnahmsprüfung für ein Uni-Studium gemacht. Aufgrund des Andrangs der Studienwerber konnte ich keinen Studienplatz ergattern. Um den Uni-Besuch zu ermöglichen, hat eine Tante von mir, die damals für die UNIDO in Wien gearbeitet hat, mir ermöglicht, in Wien zu studieren. So kam ich im Jahr 1979 zum Studium nach Wien.

War es für dich am Anfang, als du nach Österreich gekommen bist, schwer, dich hier einzuleben?
Wenn ich NEIN sage, klingt das ein bisschen unglaubwürdig. Aber es war wirklich nicht schwer. Ich war genau so wie ihr: unvoreingenommen, interessiert, aufgeschlossen, anpassungsfähig und kontaktfreudig. Was wirklich ein bisschen schwer war, ist die deutsche Sprache. Es ist so viel Jahre her und ich lerne noch immer!

Vielen Dank für das Gespräch!


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