Wie mit dem schwierigen Erbe Hitler-Geburtshaus umgehen?

Braunau am Inn wird innerhalb und außerhalb Österreichs leider oft als „Geburtsort des Bösen“ gesehen. Diesem Thema haben sich fünf Schüler im Rahmen des Projektunterrichts Allgemeinbildung gewidmet und unter anderem mit dem Historiker und Politologen Prof. Dr. Andreas Maislinger ein Interview geführt.

Lukas Gamsjäger, Manuel Hinterseer, Julian Mizelli, Tobias Neuhauser und Sebastian Rehrl aus der 4 AHELS haben sich auf Anregung ihrer Deutschprofessorin Evelyn Mayr intensiv mit dem Ruf Braunaus beschäftigt. Ein wesentlicher Teil ihres Projektes war dabei das Interview mit Andreas Maislinger, der diesem Thema sehr viel Arbeit und Energie gewidmet hat. Herzlichen Dank für die Überlassung des Interviews!
 
HTL-Projektteam: Welchen persönlichen Bezug haben Sie zur Thematik der Geschichte Braunaus rund um das Hitlerhaus?
Dr. Andreas Maislinger: Ich bin in St. Georgen bei Salzburg geboren, das liegt genau an der Grenze zwischen Salzburg zu Oberösterreich. Ich habe von 1966 bis 1970 die  Hauptschule in Ostermiething besucht, verstehe mich zur Hälfte als Innviertler, bin zwar Flachgauer, doch mein Vater war aus St. Pantaleon. Ich bin also stark geprägt von Oberösterreich und dem Innviertel. Vor meinem Geburtshaus, dem Auwirt, war eine Bushaltestelle, Zieldestinationen Salzburg und Braunau. Mir war damals schon als Kind bewusst, dass beide Städte maßgeblich von zwei Personen geprägt waren, die Salzburger haben Glück gehabt mit Mozart und die Braunauer Pech gehabt mit Hitler. Also, es hat mich seit meiner Kindheit beschäftigt, wie eine Stadt im Positiven oder leider im Falle von Braunau im Negativen von einer Person geprägt sein kann. Und es war mir schon sehr früh ein Bedürfnis, dass ich da meine Fähigkeiten und meine weltweiten Kontakte irgendwie einsetze. Also, ich habe da einen sehr persönlichen Bezug.

HTL-Projektteam: Welche Funktion übten Sie bei den Zeitgeschichte-Tagen in Braunau am Inn aus?
Dr. Andreas Maislinger: Ich habe die Braunauer Zeitgeschichte-Tage zusammen mit Erich Marschall gegründet. Erich Marschall war damals Chefredakteur der Neuen Warte am Inn, die Braunauer Wochenzeitung, die damals jeder gelesen hat. Er hat zwei Kommentare im März und Mai 1986 geschrieben, in denen er sich mit der Schwierigkeit Braunaus auseinandergesetzt hat, dass die Stadt der Geburtsort Adolf Hitlers ist. Ich habe die Kommentare gelesen, habe darauf reagiert und sechs Jahre später ist es uns dann gelungen, die Braunauer Zeitgeschichte-Tage das erste Mal zu organisieren und ich habe sie dann bis 2011 geleitet.

HTL-Projektteam: Welche Pläne zur Nutzung des Hitlerhauses gibt es?
Dr. Andreas Maislinger: Ich würde die Frage gern umdrehen - welche Pläne hat eure Generation mit dem Hitlerhaus? Ich könnte ja sagen, ich lebe in Innsbruck und habe eigentlich eh nichts damit am Hut. Es gibt vor allem Ratlosigkeit, sonst würde das Haus nicht seit fünf Jahren leer stehen. Ich habe im Jahr 2000 auf Anfrage des damaligen Bürgermeisters und des Vereins für  Zeitgeschichte meine Idee Haus der Verantwortung präsentiert. Zeitgleich ist auch eine andere Idee entstanden, vom Nachfolger des Erich Marschall und Chefredakteur der Folgezeitung Braunauer Rundschau, Reinhard Klika (beide haben übrigens heute eine PR- Agentur in Braunau). Er hat die Initiative „Braunau setzt ein Zeichen“ gestartet. Das war die Zeit um den 4. Februar 2000, als die schwarz-blaue Regierung angelobt worden ist, Stichwort Jörg Haider, da könnt ihr Euch genauer mit ihm beschäftigen, und am 7. Februar 2000 ist die Initiative Braunau setzt ein Zeichen von allen Gemeinderatsfraktionen unterschrieben worden. Das Wichtigste bei dieser Initiative war, dass sich Braunau besonders mit der NS- Vergangenheit auseinandersetzen will und dass Braunau ein Zeichen setzen will, dass es sich besonders verantwortlich fühlt, dass Österreich sich mit dieser NS-Vergangenheit auseinandersetzt. Diese Initiative von Reinhold Klika wurde auch von über 1000 Menschen Braunaus und der Braunauer Umgebung unterschrieben. In dieser Initiative steht wortwörtlich, dass die Braunauer fordern, dass die Republik Österreich das Geburtshaus von Adolf Hitler kaufen soll und man es als internationale Stätte der Verständigung und der Begegnung einrichtet. Und nachdem man mich gefragt hat, was würdest du denn damit machen, habe ich diese internationale Stätte der Begegnung Haus der Verantwortung genannt.  Die Idee ist also im Frühjahr 2000 auf Einladung der Stadt Braunau am Inn und des Vereins für Zeitgeschichte entstanden.
Der wesentliche Inhalt dieser Idee ist, dass es ein Ort internationaler Begegnung junger Menschen zwischen 15 und 30 Jahren ist, die sich an diesem Ort engagieren und im Rahmen eines Austausches, Gedenkdienstes oder Ähnlichem arbeiten. Dabei könnte man sich im Erdgeschoß schwerpunktmäßig mit der Vergangenheit beschäftigen, im ersten Stock in der Gegenwart engagieren und im zweiten Stock über die Zukunft nachdenken. Es soll ein Forum für die Auseinandersetzung für junge Menschen sein. Das ist jetzt 15 Jahre her. Man hat immer gesagt, wenn die Lebenshilfe auszieht, dass man dann diese Idee Haus der Verantwortung realisieren möchte. Man hat vor 15 Jahren schon gewusst, dass das Haus für die Lebenshilfe langfristig nicht geeignet ist und die Institution ein besseres Haus für die Arbeit mit Behinderten suchen wird.

HTL-Projektteam: Woran scheitert die Idee Haus der Verantwortung?
Dr. Andreas Maislinger: Ein österreichisches Problem! Es scheitert daran, dass man sich nicht so recht traut, eine Entscheidung zu treffen. Es war ja von 1986 bis 1992 ähnlich - es hat sechs Jahre gedauert, bis die Braunauer Zeitgeschichte-Tage realisiert werden konnten. Die Idee zum österreichischen Gedenkdienst ist 1978  entstanden. Der erste Gedenkdiener hat 14 Jahre später am 1. Sept. 1992 seinen Dienst im Museum Auschwitz-Birkenau angetreten. In Österreich dauern bestimmte Dinge einfach ihre Zeit! Wenn ich euch sozusagen fürs Leben etwas mitgeben kann: Wenn ihr eine Idee realisieren wollt und ihr davon überzeugt seid, einfach dran bleiben! Verliert nicht die Geduld!

HTL-Projektteam: Wie sehen Ihre konkreten Vorstellungen eines „House of Responsibility“ aus?
Dr. Andreas Maislinger: Ihr habt doch eine Schulpartnerschaft mit Nicaragua, mit einer Schule in León. Da habt ihr konkrete Kontakte, und Schüler aus der HTL Braunau kennen Schüler des IPLS León. Die Idee ist, dass junge Menschen aus der ganzen Welt nach Braunau kommen und in diesem Haus der Verantwortung zusammenarbeiten. Einer davon könnte z.B. Sabio Barreto aus Petropolis, einer kleinen Stadt in der Nähe von Río de Janeiro, sein. Dort gibt es eine Casa Stefan Zweig. Im Deutschunterricht habt ihr bestimmt schon von Stefan Zweig gehört, die Schachnovelle gelesen, vielleicht sogar Die Welt von gestern, und das ist das Haus, in dem sich der österreichische Exilliterat Stefan Zweig zusammen mit seiner Frau das Leben genommen hat. Dieses Haus ist heute eine internationale Begegnungsstätte geworden, die an Stefan Zweig erinnert. Unser Gedenkdiener aus Österreich hat dort Menschen kennengelernt und einer dieser Menschen ist Sabio Barreto, der Deutsch gelernt und Tourismus studiert hat und diesen Gedenkdienst in Österreich gerne für einen Zeitraum von drei Monaten antreten würde und sich hier mit einem Projekt beschäftigt. Jugendliche aus Österreich kümmern sich ein Stück weit, gestalten die Freizeit miteinander, bereiten den Aufenthalt von Sabio in Österreich vor, teilen die österreichische Kultur mit dem Gast, erklären, wie man bei uns lebt, welche Unternehmungen man in Braunau machen kann, wie die Freundeskreise aussehen etc. Das gleiche würde man auch mit einem Jugendlichen aus Nicaragua machen oder aus New York, China, Japan, und natürlich auch aus Israel, die sich drei Monate lang mit einem Projekt im Haus der Verantwortung auseinandersetzen. Dieser internationale Austausch soll eine zwei Jahre währende Vorlaufszeit haben, es geht auch darum, der Stadt ein wenig mehr Internationalität zu verschaffen. Und Jugendliche lernen dabei offene Konfliktbearbeitung und Bereitschaft auch zwischen den Kulturen, offen aufeinander zuzugehen,und den kritischen Umgang mit der österreichischen Geschichte.

HTL-Projektteam: Sehr geehrter Herr Dr. Maislinger, besten Dank für das interessante Gespräch.

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