Die Uni brennt! Und die Schule?

Die Uni brennt! Und die Schule?

Den Mensch im Mittelpunkt möchte Raffael Schöberl. Darum kämpft er für mehr Mitsprache an den Schulen.

Die Situation an den österreichischen Hochschulen finden viele Studierende unerträglich, sie sind unzufrieden und als Folge dessen haben sie in ganz Österreich Hörsäle über Wochen hinweg besetzt. Die Beweggründe für diese fast schon vergessene Form des Protests mögen an den verschiedensten Universitäten unterschiedlicher Natur sein, vorhanden waren sie aber auf jeden Fall. So reicht das Geld an den meisten Unis kaum, um den Regelbetrieb mit angemessener Ausstattung der Lehrräume aufrecht zu erhalten. Es herrscht ein akuter Mangel an Lehrkräften, und etliche Vorlesungen sind geradezu hoffnungslos überfüllt. Doch nicht nur Unis, auch viele unserer Schulen drohen aus finanziellen Gründen einen intellektuellen Hungertod zu sterben.

Wir wollen kein Stück vom Kuchen – wir wollen die Bäckerei!

Unter der Parole „Wir sind hier und wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut“, gingen im April letzten Jahres zehntausende Schülerinnen und Schüler auf die Barrikaden. Alles hatte damit begonnen, dass sich Österreichs Schüler/innenschaft mit ihren Lehrkräften solidarisierte, als von Regierungsseite unbezahlte Mehrarbeit eben dieser gefordert wurde. Ausgeweitet hatten sich die Bildungsproteste dann aber schnell und vor allem ging es darum, ein größeres Mitspracherecht zu erwirken.

Mitentscheiden und mitgestalten? – Fehlanzeige! Ein gerade aktuelles Thema wie die Einführung der Zentralmatura zeigt, was ich meine. Gefragt hat uns dazu nämlich niemand. Dass die gleiche Behandlung aller Maturant/innen „garantiert“ wird, ist wohl der einzige Pluspunkt, der der Zentralmatura anzurechnen ist. Auf der Gegenseite wird mittels Normierung des Unterrichts über all unsere Stärken, Schwächen und Interessen drübergefahren. Jede nur erdenkliche Form der Selbstbestimmung und Kreativität wird erdrückt.

Wessen Schule? Unsere Schule!

Für das Leben lernt man, oder sollte es etwa nicht so sein? Die durchschnittliche Schulwoche bei uns an der HTL sieht in etwa wie folgt aus: TKHF-Skriptum von Seite 124 bis Seite 178, für den Test in IE die Seiten 70 bis 110 und in Mathematik die Aufgaben seit 10. November für die Schularbeit lernen. Die Fächer können freilich je nach Fachrichtung beliebig ausgetauscht werden, einen Unterschied wird’s wohl kaum geben (ohne dabei alles über einen Kamm scheren zu wollen). Etwas salopp ausgedrückt passt für dieses Szenario der Begriff „Bulimie-Bildung“ wie die Faust aufs Aug‘: Man frisst den gesamten Lernstoff in möglichst kurzer Zeit in sich rein, um ihn dann in den Prüfungen wieder erbrechen zu können – und nichts bleibt davon hängen. Damit wird allerdings jegliches vorhandene Interesse zerstört: Hier gibt es keine Selbstständigkeit, keine Freiräume und keine Mitbestimmung am Unterricht. Damit wir aber als junge Menschen lernen können, so sehe ich das zumindest, brauchen wir einen Platz, wo auf unsere individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse eingegangen wird, wo wir auch selbstständig und kreativ sein können. Schule wird von der übergroßen Mehrheit der Schüler/innen nämlich nicht als Ort, an dem man sich gerne aufhält, gesehen, sondern ganz im Gegenteil: Schule wird mit Zwang, Druck, Stress und in vieler Hinsicht wird sie auch mit Angst verbunden.

Unsere Schulausbildung hat mit dem eigentlichen Begriff „Bildung“ nur mehr wenig gemeinsam, denn Bildung selbst versteht sich als Emanzipation der Menschen (um Wikipedia zu bemühen: Bildung bezeichnet das Lernen als Formung des Menschen im Hinblick auf sein „Menschsein“). Schule dagegen steht heute vielmehr für eine reine Ausbildung. Im Allgemeinen ist eine gute Ausbildung auch nicht unbedingt etwas Negatives, doch der Knackpunkt liegt in unserer Gesellschaft: Menschen werden als Kostenfaktor begriffen, entscheidend ist nicht ihre freie Entwicklung, sondern ihre Nützlichkeit und Verwertbarkeit in der Wirtschaft. Besonders Flexibilität und Gehorsamkeit gelten in der Arbeitswelt als wichtig für den beruflichen Aufstieg, Diskussions- und Kritikfähigkeit sind oftmals nicht nur nicht erwünscht, sondern werden gar als störend empfunden. Und gerade auf eine solche Mentalität werden wir in der Schule hin trainiert. Ist das der Weisheit wirklich letzter Schluss?

Raffael Schöberl

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