Hans Jakob - Die Journalisten und ihr Kampf um Wahrheit, Kohle und ein stimmges Selbstbild

Hans Jakob - Die Journalisten und ihr Kampf um Wahrheit, Kohle und ein stimmiges Selbstbild.

Oder: Gibt es unter den Journalisten Heuchler? Und wenn ja, warum doch nicht?

Ich habe vom Jahr 1973 bis zum Jahr 2012 in der HTL Braunau die Fächer Mathematik, Informatik und Medientechnik unterrichtet. Die HTL Braunau war in den letzten 20 Jahren mit zum Teil phänomenalen Schülerarbeiten nicht nur national, sondern auch international sehr erfolgreich und einige Male hinsichtlich naturwissenschaftlicher und technischer Projekte unter den drei besten Schulen Europas. Neben der Förderung der Motivierten und Begabten gelingt dem Lehrkörper aber auch die Rücksichtnahme auf die nicht so leistungsfähigen Schüler. Im Jahr 2009 erhielt die HTL Braunau den Schulpreis.
www.htl-braunau.at/htl-live/news-single/artikel/feierliche-ueberreichung-des-schulpreises.html
Angesichts des großen Interesses des Profils an Lehrern, Schülern und Schulsystem, habe ich ‘ “HTL Braunau“ “Das Profil“ ‘ gegoogelt und festgestellt: Null Treffer. Offensichtlich: Nicht relevant.


Vor einigen Jahren wurde ein internationaler Schulsystemvergleich veröffentlicht, mit dem Ziel, die Schülerzufriedenheit zu ermitteln. Österreich schnitt gut ab. Der Standard berichtete davon. Die Schlagzeile lautete sinngemäß: „Lehrer stellen Schüler bloß“. Der eigentliche Inhalt der Studie kam zwar ganz kurz vor, war aber offensichtlich: Nicht relevant.
Bei der neuen PISA – Studie hat sich von Neuem etwas Erstaunliches gezeigt: Finnland liegt in Mathematik (Nummer 4 in Europa) lediglich 4% über dem OECD-Schnitt und die Nummer 13, die Slowakei 4% unter dem OECD-Schnitt. Und das, obwohl die Testrahmenbedingungen in den einzelnen Länder erhebliche Unterschiede aufweisen. Die Kommentare der österreichischen Medien zeigen: Nicht signifikante Unterschiede werden von Journalisten als hochbedeutsam missverstanden. Folgerichtig findet Herr Rainer das Ergebnis Österreichs erbärmlich und die Verantwortlichen, nämlich die Lehrer luftdicht abgegrenzt.


Zugleich hat PISA in allen Ländern Europas enorme Unterschiede innerhalb ein und derselben Schule, beziehungsweise von Schule zu Schule gezeigt. Des Weiteren ergaben sich erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Bundesländern desselben Landes wie zum Beispiel 8% zwischen Bayern und Bremen, oder ein erhebliches West-Ost-Gefälle in Österreich festgestellt. Zwar schon eher signifikant aber interessanter Weise für Österreichs Medien uninteressant.


Wichtige Journalisten erklären Irrelevantes für relevant und Relevantes für irrelevant. Sie machen aus einer Kleinigkeit ein riesen Ding und lassen wichtige Informationen schlicht unter den Tisch fallen. Die Quote der 15 – jährigen Raucher in Österreich übersteigt die entsprechenden Quoten in Deutschland und in anderen vergleichbaren Ländern um über 60%. Das Ergebnis ist hoch signifikant, eine Thematisierung wäre ungemein wichtig, sie findet aber schlicht nicht statt. Über lange Zeit waren Österreichs Jugendliche auch in punkto Alkoholmissbrauch mit führend in Europa und liegen noch immer schlecht. Die Medien betreiben auch hier eine Vogel Strauß Politik.


Dennoch, Journalisten sind fleißige Leute. Tag für Tag, Woche für Woche recherchieren sie, analysieren sie und formulieren sie. Sie durchleuchten Ungereimtheiten und decken Missstände auf. Der eine oder andere Artikel, die man dann zu lesen bekommt, ist schon mal schonungslos, besonders wenn es um Ungerechtigkeit geht. Da kommt insbesondere Herr Rainer an seiner Tastatur so richtig in Rage und kennt dann so sehr keinerlei Gnade, dass man sich nach dem Lesen seines Ergusses so richtig erschlagen fühlt ob der Unzahl seiner Argumente und ob der Inbrunst, mit der er gegen das Schlechte wettert und für das Gute eintritt. Zugleich macht sich ein erhebendes Gefühl breit, wohl weil man spürt, es gibt neben der NSA und H.C. Strache noch andere, die sich für uns interessieren.


Wenn sich jemand beim Cover-Titel ‘Die Lehrer‘ an die unseligen 30er Jahre erinnert fühlt, dann ist er selber schuld. Wenn jemand das Gefühl hat, das Cover-Bild würde vermitteln wollen, Lehrer seien präpotent, autoritativ und vertrottelt zugleich, dann braucht er nur zu kaufen und zu lesen. Dann erfährt er, dass es auch Ausnahmen gibt. Die Cover-Bilder des Profil lassen Menschen gewöhnlich sehr wohl in gutem Licht erscheinen. Siehe Haider und Strache am Cover 2013/11 und 2013/41, Grasser am Cover 2013/13 und so weiter und so fort. Aber hier geht es einfach um zu viel, um zimperlich zu sein. Die hehren Absichten der Redaktion gebieten es, schon mal ein bisschen zu verallgemeinern.


Neben dem Kampf für das Wahre und Gute muss ein Medienmensch allerdings auch noch die eigene wirtschaftliche Situation im Auge behalten. Schließlich ist Information ein Konsumgut, das eigene Angebot stößt auf harte Konkurrenz, wohl zuweilen auch innerhalb der eigenen Redaktion. So ist es offensichtlich nötig, neben dem Krawall, den andere machen, auch selber jede Menge Lärm zu produzieren. Informationen und Meinung müssen adaptiert, poliert und aufgemotzt werden. Da wird an Fakten gefeilt, da werden Gewichtungen vorgenommen, jede Formulierung überlegt, bis die Optimierung gelungen ist, hinsichtlich der Erwartungen der Konsumenten und der Leitwölfe in der Redaktion und nicht zuletzt hinsichtlich der wirtschaftlichen Erfordernisse. Ein wirklicher Polit-Populist und ein wirklicher Presse-Populist haben eines gemeinsam. Beide besitzen einen untrüglichen Sinn für speichelflussanregende Themen samt den dazu passenden Formulierungen. Je nach Vorkonditionierung der Zielgruppe zieht man dann über Banker, Asylanten, Lehrer oder Türken her. Wenn man zwecks Optimierung Fakten verdrehen und die Logik verbiegen muss, kein Problem. Die political correctness sowie der Berufsethos gebieten ohnehin, immer darauf hinzuweisen, dass es auch Ausnahmen gibt.


Zurück zu ‘den Lehrern‘ und zurück zu weiteren Fakten. Die Entlohnung der Lehrer ist in unfassbarem Ausmaß ungerecht. Die Diskrepanz zwischen dem, was ein Fachtheorie-Lehrer z.B. einer HTL in den letzten Dienstjahren verdient und dem, was ein Fachpraxis-Lehrer zu Beginn verdient ist enorm. Dasselbe gilt für die Arbeitszeit. Auch hier sind die Unterschiede groß. Das Engagement vieler Lehrer ist tatsächlich fast null, und vieler anderer extrem hoch, nicht zuletzt, weil sie von ‘Kollegen‘ im Stich gelassen werden und weil sie versuchen, den Schaden zu kompensieren, den die wenigen schwarzen Schafe an den Schülern und an der Schule anrichten. Die Tatsache, dass Gewerkschaft und Politik die motivierten Lehrer seit Jahrzehnten verdorren lässt und an diesem eigentlichen Problem der österreichischen Schulen penetrant vorbeischaut, ist nicht die Schuld der Lehrer. Und die Medienprofis die gerne für die gute Sache kämpfen, sehen offensichtlich bei diesem Punkt ob der komplexen, zehnzeiligen Faktenlage und der fehlenden Vorkonditionierung der Konsumenten ein zu geringes Krawallproduktionspotenzial. Sie ziehen es vor, gegen besseren Wissens hinauszuposaunen, die schwarzen Schafe im Lehrberuf seien die Regel.


Ich war als Lehrer einer der Guten. Oder habe mich zumindest so gesehen. Interessiert, engagiert, immer wieder vom Gefühl beseelt, vielen meiner Schüler auf ihren Weg Einiges mitgeben zu können. Im Journalismus, so denke ich, ist die Situation ähnlich. Allerdings: Lehrer prägen einzelne Menschen, Medien ganze Länder. Vielleicht sind es die Medien, die Karl Poppers Traum von der schrittweisen evolutiven Weiterentwicklung moderner offener Gesellschaften erst möglich machen. Sie decken Irrtümer und Fehlentwicklungen auf, sie treten für Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit ein. Ein hoher Anspruch, den auch so mancher Artikel widerspiegelt. Da stolpert man als Leser dann schon hin und wieder einmal über eine etwas gar pathetische Formulierung und kann sich des Gefühls nicht erwehren: Willkommen im Boot, wer das schreibt muss einer der Guten sein.

Es ist aber nicht nur Pathos, was die Aufmerksamkeit eines interessierten Lesers auf sich zieht. Man stolpert auch über willkürliche, ja widersinnige Gewichtungen. Unwichtiges wird breitgetreten, Wichtiges unterschlagen. Skurrile Verallgemeinerungen sind nichts Außergewöhnliches, so werden eben dann Zig-Tausende engagierte Lehrer allein nur durch ‘Die Lehrer‘ samt geschmacklosem Foto mit einem Aufwischen diskreditiert. Im Inneren hagelt es dann Kollektiv-Urteile, wobei wechselseitig die Begriffe ‘die Lehrer‘ und ‘Berufsgruppe‘ benutzt werden. Dabei zeigt sich, dass der Bezeichner Berufsgruppe smarter ist, denn da gebietet es ja die deutsche Grammatik, den Hinweis auf Ausnahmen zu unterlassen.


Je untergriffiger, je süffisanter und je geringschätzender die Artikel mit einer ‘Berufsgruppe‘ umgehen, desto wütender reagieren Einzelne. Und aus der Flut der zornigen Leserbriefe lassen sich dann die herauspicken, mit denen man die ganze Gruppe am treffsichersten vorführen und die eigene Süffisanz und Geringschätzung nochmals optimal rechtfertigen kann. Der Ausraster eines Lehrers, der die Profilredaktion einäschern will, ist dann ein PR-Sahnehäubchen ganz oben drauf.


Wir stehen also vor einem klassischen Dilemma. Zum einen ist man überzeugt einer der Guten zu sein, die die Welt voranbringen, wenn vielleicht auch nur im Kleinen. Zum anderen müsste man sich angesichts der hohen Ansprüche an sich eingestehen, dass das, was man seinen Schüler oder seinen Lesern zumutet, phasenweise Schund ist. Das klassische Dilemma, konkretisiert sich zu einem klassischen Fall kognitiver Dissonanz. Eine Harmonisierung der beiden unvereinbaren Wahrnehmungen kann auf zwei Arten erfolgen. Zum einen ließe sich das geschönte Bild zurechtrücken, das man nur zu gerne von sich selbst zeichnet. Zum anderen, kann man die Fakten und die Gesetze der Logik zurechtrücken und so als Lehrer seinen miesen Unterricht und als Journalist das miese Cover oder den miesen Artikel zum Erfolg erklären. Ich unterstelle wichtigen Journalisten des Profil, sich überwiegend für Weg zwei entschieden zu haben.


Es stellt sich somit die Frage: Sind also die Journalisten Heuchler?
Antwort: Natürlich nicht.
1. ‘Die Journalisten‘ gibt es nicht, das war einmal. Wenn, dann könnte allenfalls ein Teil der Journalisten gemeint sein.
2. Das Verbiegen der Fakten und das Adaptieren logischer Gesetze, sowie Krawall schlagen, verfälschen und konditionieren, gehören zu den Grundregeln jeden erfolgreichen Journalismus.
Womit zu folgern ist. Die Heuchler unter den Journalisten sind keine Heuchler. Der Grund: Fehlendes Unrechtsbewusstsein durch erfolgreiche Rationalisierung. Die Leser werden nicht bewusst hinters Licht geführt, denn das macht man am besten vorher mit sich selber.
Im Zuge meiner Tätigkeit als Informatik-Lehrer hatte ich wegen der zum Teil außergewöhnlich anspruchsvollen Projekte, des enormen Innovationsdrucks und des geradezu brennenden Interesse vieler meiner Schüler über lange Zeit fast ausschließlich Fachliteratur gelesen. In den Ferien, an den Wochenenden, an vielen, vielen Abenden. Mit meiner Pensionierung konnte ich endlich meine Interessensfelder wieder erweitern. An Zeitschriften lese ich nun Das Spektrum der Wissenschaften und Die Zeit. Die Artikel entsprechen dem hohen Niveau an Faktenorientierung und differenzierter, folgerichtiger Argumentation, die für mich seit dem Studium unabdingbar sind. Im Sommer habe ich mich nach fast 20 Jahren Abstinenz auch wieder dem Profil zugewandt. Das Ergebnis war ein Kulturschock. Eine stellenweise geradezu skurrile argumentative Logik, schlecht recherchierte Fakten, offensichtliche Unwahrheiten gepaart mit journalistischer Selbstanmaßung.


Wir haben in Österreich Europaklasse zu bieten. Zum Beispiel: David Alaba, das Burgtheater, Anton Zeilinger, die HTL Braunau. Das Profil gehört definitiv nicht dazu.
Angesichts der Kluft zwischen Selbstgerechtigkeit und inhaltlicher Qualität wende ich mich mit Grauen, und sehe schon die Auferstehung des ‘Staberl‘, der Profilredakteuren erklärt: “‘Österreich‘ überholen wir. Wir überholen nicht links, wir überholen nicht rechts, wir überholen unten“.


Mein Trost: Weit draußen, da finde ich sie dann doch: Die Autoren und die Journalisten, die die Fähigkeit besitzen, differenziert über unsere spannende wie widersprüchliche Welt nachzudenken und das eigene komplexe Selbst zu reflektieren. Menschen mit Profil eben.

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